Home-Office einrichten: warum Einrichtungstipps aus Zeitschriften oft nicht funktionieren

von | 1. Juli 2021 | Home-Office | 0 Kommentare

Wie kann ich ein Home-Office einrichten? Und auf welche Tipps aus Zeitschriften kann ich verzichten? Aus aktuellem Anlass füllt dieses Thema ja regelmäßig die Wohnzeitschriften. Doch kannst du mit diesen Tipps wirklich etwas anfangen?

Nein?

Heute plaudere ich aus, was mir an diesen Vorschlägen nicht passt. Denn: viele Tipps sind mehr als fragwürdig und wenig hilfreich. Dafür bekommst du Anregungen, wie es besser geht.

Inhaltsverzeichnis:

Ich blättere durch eine renommierte Wohnzeitschrift, da stoße ich auf einen Artikel mit der Überschrift „Der große Home-Office-Guide”. Na, da erwarten wir doch richtig was, oder? Hier werden Fragen abgehandelt wie z. B. ob jeder Tisch als Schreibtisch taugt, ob man nicht auch Esstischstühle nehmen kann und wie man mehr Stauraum schafft. Fragen, die du dir vielleicht selbst schon gestellt hast. Ich war vorher jedenfalls sehr gespannt auf den Artikel und hinterher unschlüssig, an wen er sich überhaupt richtet. Meine Meinung teile ich heute mit euch.

Braucht man zum Home-Office einrichten einen Bürostuhl oder nicht?

Ich zitiere mal die Antwort von Schöner Wohnen*: „Wenn sie bequem sind, warum nicht?”

Aha.

Die abgebildeten Stühle sehe ich mir etwas genauer an.

Esszimmerstühle.

Soll ich mir also einen neuen Esszimmerstuhl zulegen, um unbedingt den Schreibtischstuhl zu umgehen, oder wie ist das gemeint?

Das preisgünstigste Modell geht bei 320 € los, aber es lassen sich problemlos auch knapp 2.000 € investieren. So ganz nebenbei: hat man nicht immer vier bis sechs Stühle am Esstisch stehen? Okay, die wir-machen-einen-supertollen-Vorschlag-und-verzichten-auf-den-Bürostuhl-Lösung kostet dann unterm Strich 1.280 bis 12.000 €.

Die Autorinnen äußern sich schließlich doch noch zum Thema Bürostuhl: er soll nämlich eine Synchronmechanik besitzen. Sehr gut. Die abgebildeten Stühle sind leider weder ergonomisch noch haben sie eine Synchronmechanik. Was soll das?

Also: wer kann, besorgt sich einen anständigen Bürostuhl und zwar höhenverstellbar, mit Rollen und – ja – auch mit Synchronmechanik. Wer am Esstisch arbeitet, schiebt den Stuhl eben nach Feierabend weg. Ein Kämmerlein oder eine Ecke findet sich sicher, wo er sich verstauen lässt. Noch besser: wenn du nur vorübergehend im Home-Office landest, fragst du mal beim Chef (oder der Chefin) nach, ob du dir deinen Stuhl aus dem Büro mit nach Hause nehmen darfst. Wenn du dauerhaft im Home-Office bist, dann lohnt sich eine Neuanschaffung sowieso.

Meine Meinung: teure Esszimmerstühle und ungeeignete Bürostühle abzubilden, hilft keinem. Klar, als schnelle Lösung ist der Esszimmerstuhl besser als der Schneidersitz auf dem Fußboden. Aber schon bald solltest du dir einen Stuhl besorgen, auf dem du lange optimal sitzen kannst. Die Ratgeberseite von Büromöbel-Experte beschreibt ganz gut, was ein ergonomischer Stuhl leistet.

Eignet sich jeder Tisch fürs Home-Office?

„Ja”, schreibt Schöner Wohnen, „denn am Ende muss der Arbeitsplatz zu Hause nicht den Richtlinien des Arbeitsstättenrechts … entsprechen.”

Aber es geht doch nicht um irgendwelche Verordnungen!

„Wichtig ist nur, dass das persönliche Bürosetting gut funktioniert”, heißt es weiter unten. Ich bin 1,62 groß und mein Schreibtisch hat eine Höhe von 66 cm. Ein Esstisch ist dagegen um die 80 cm hoch. Das Setting am Esstisch funktioniert also offensichtlich nicht. Wie groß müsste denn ein Mensch sein, der an einem Esstisch wirklich korrekt sitzt? Der Frage bin ich nachgegangen.

Ich habe einen Online-Rechner gefunden: 2,02 m.

Rund 97 % der Menschen in Deutschland scheiden also aus (Quelle: Statista).

Immerhin werden verschiedene Schreibtische abgebildet. Alle topmodern, kein einziger höhenverstellbar. Die Schreibtische bieten höchstens sehr eingeschränkten Stauraum und es fehlt ein Loch für die Kabel.

Sollen die Kabel vorne runterhängen?

Ich bin echt froh über meine beiden Löcher in der Arbeitsplatte, in denen sieben Kabel abtauchen.

Meine Meinung: Praktische Tipps fehlen. Mir erschließt sich auch nicht, an wen sich der Artikel überhaupt richtet. An improvisierende oder dauerhafte Home-Officer? Wenn du für einen längeren Zeitraum dein Home-Office einrichtest, dann brauchst du einen vernünftigen Schreibtisch, der sich dir anpasst und nicht umgekehrt.

Das ist übrigens so eine Sache, die mich immer häufiger ärgert: in Wohnzeitschriften wird eine Funktion oder ein Merkmal beschrieben, die Abbildung zeigt aber etwas ganz anderes, was halt schön aussieht.

Wie schaffe ich Stauraum beim Home-Office einrichten?

„Am schnellsten mit einem neuen Regal”, schreibt Schöner Wohnen.

Okay, spätestens jetzt ist jener Artikel über das Stadium „schneller Notarbeitsplatz” hinaus. Spätestens jetzt ist das Home-Office kein Provisorium mehr, sondern eine ernste Angelegenheit. So ernst, dass sich zum Notebook vielleicht noch ein bisschen Zubehör gesellt.

Ich zitiere weiter: „Alles, was täglich benutzt wird und gut aussieht, steht am besten griffbereit und offen direkt am Arbeitsplatz. Alles andere lieber blickdicht verstauen…” Dazu  gleich zwei Überlegungen: 1. Was wird täglich benutzt und sieht dabei noch gut aus? 2. Wieviel blickdichten Stauraum habe ich bei einem Regal?

Zu Frage 2: Gar keinen – es sei denn, ich stelle Kisten ins Regal.

Zu Frage 1: Die Optik im Raum ist wichtig zum Wohlfühlen, da gehe ich voll mit. Sammeln wir doch mal Dinge, die ständig benutzt werden. Wir haben Stifte und Büroklammern, Locher und Tacker, Papier und Ordner, vielleicht auch Vorräte wie Tackernadeln, Tesafilm, Paketschnur und Vordrucke. Vor allen Dingen haben wir einen Drucker und etliche Ladekabel.

Und was genau lässt sich davon hübsch in ein Regal dekorieren?

Hmmm…

Meine Meinung: Auf ein rein dekorativ gestaltetes Regal kann ich verzichten, dadurch gewinne ich keinen Stauraum. Denn fasse ich bis hierher zusammen, sitze ich auf einem unbequemen Stuhl an einem kleinen Schreibtisch vor einem sehr dekorativen Regal. Ob das jetzt ein Gewinn an Arbeitsqualität ist, frage ich mich da schon.

Die bessere Alternative ist natürlich geschlossener Stauraum. Ein spezieller Büroschrank ist nicht notwendig. Es gibt genügend Möbel, die sich optisch ansprechend im Wohnzimmer unterbringen lassen, sofern der Platz vorhanden ist.

Home-Office ergonomisch einrichten: wenn´s mal ganz schnell gehen muss

Und wie ist das, wenn man kurzfristig ins Home-Office wechselt und die Vorbereitungszeit komplett wegfällt? Auch dann keine Kompromisse eingehen? Doch, klar… aber nicht in Sachen Ergonomie. Acht Stunden am Schreibtisch bleiben nun mal acht Stunden am Schreibtisch – da sollte man schon einigermaßen gut sitzen.

Wenn kurzfristig nur Esszimmermöbel zur Verfügung stehen, dann kannst du halt nur Esszimmermöbel nutzen. Doch deswegen musst du nicht gleich Nackenschmerzen in Kauf nehmen (und die kommen früher oder später!).

Du kannst wirklich mit wenigen Mitteln deinen Arbeitsplatz superschnell ergonomisch gestalten. Weil ich das dort schon mal beschrieben habe, habe ich dir meinen Artikel, wie du Wände für Videocalls gestalten kannst, verlinkt.

Das ist nämlich so: bei Tipps zum Home-Office einrichten muss klar unterschieden werden, ob es sich um eine schnelle, sofort umsetzbare Gestaltung dreht oder ob ein Dauer-Arbeitsplatz zu Hause eingerichtet werden soll. Der Lösungsansatz ist ein völlig anderer und das sollte auch deutlich werden. Nicht so schwammig wie in der Zeitschrift…

Meine Meinung zu solchen Einrichtungstipps aus Wohnzeitschriften

Ich bin echt enttäuscht über solche Artikel, die überhaupt nicht praxisnah sind. Gerne paaren sie sich dann noch mit Tipps, welcher Stiftebecher die Stifte besonders schön aufnimmt. Hierauf kommt es bei der Arbeit doch am wenigsten an. Die wenigen Stifte legst du dir vorher zurecht und räumst sie hinterher weg. Es arbeitet sich nämlich auch ohne einen exklusiven Stiftebecher ganz hervorragend.

Der Inhalt des besagten Artikels lässt sich knapp zusammenfassen: solange man gut sitzt, kann man machen was man will (ist das wirklich eine neue Erkenntnis?) und falls man etwas ändern möchte, dann gerne mit völlig austauschbaren Möbelstücken – die einen beim Ziel, nämlich besser im Home-Office zu arbeiten, kein Stück weiterbringen.

Ich weiß nicht, warum solche Artikel erscheinen.

Man könnte da nun sehr viel hineininterpretieren…

Solange für dich optisch und funktional alles in Ordnung ist, brauchst du nichts ändern, da stimme ich zu. Aber dafür brauchst du letzten Endes auch keine Tipps, stimmt´s? Und falls du etwas ändern möchtest, dann brauchst du Hilfestellung, wie du deinen Arbeitsplatz ergonomisch oder dekorativ – am besten beides – einrichtest. Und da darf´s ein bisschen mehr sein als nur 08/15-Vorschläge.

Beim Einrichten eines Home-Office geht es um so viel mehr. Es geht um ungestörtes Arbeiten, um Ergonomie und Langlebigkeit und ja, auch um die Optik, allerdings im Sinne von sinnvoll (= die Arbeit unterstützend) und nicht von sinnlos (= ein rein dekoratives Regal).

Wenn du gerade dabei bist, dein Home-Office einzurichten und Fragen hast, dann melde dich gerne mal. Ich habe bestimmt noch einen Tipp für dich.

Wenn du wissen willst, wie Arbeitszimmer aussehen, die null funktional sind, dann folge mir doch auf Pinterest. Dort habe ich einige Bilder zusammengetragen, wie ich es NICHT machen würde.

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  1. Hintergrund für Videocalls gestalten & am provisorischen Arbeitsplatz professionell wirken - Wohndepartment by Kirsten Wagner - […] interessiert meine Meinung zu manchen Tipps aus Wohnzeitschriften? Dann solltest du diesen Artikel mal […]

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Ich gestalte Home-Offices und Ferienwohnungen für Menschen, die für Kreativität wenig Zeit haben, damit Arbeit und Vermietung besser flutschen, ohne dass die Kosten aus dem Ruder laufen.

*Ausgabe 05/2021, Seiten 110 bis 114, Text von Conny Grundmann & Gunda Siebke: Der große Homeoffice-Guide
Wie immer: für diesen Artikel wurde ich weder bezahlt noch beauftragt. Er ist somit werbefrei.

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